„Wir müssen Luftfahrt als ein Gesamtsystem betrachten“

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Direktor Christian Hegner
© BAZL

BAZL-Direktor Christian Hegner über die Herausforderungen seiner neuen Aufgabe als Direktor, den Einfluss der Schweiz in der europäischen Luftfahrt, die internationale Anbindung der Schweiz im Luftverkehr, Innovationen und Ressourcenfragen.

Herr Hegner, Sie haben die ersten 100 Tage im neuen Amt hinter sich. Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Tätigkeit?
Es ist eine überaus spannende und anspruchsvolle Tätigkeit. In meiner vorherigen  Aufgabe als Leiter der sicherheitstechnischen Abteilung war ich vor allem mit Themen der Industrie und der technischen Regulierung und Aufsicht beschäftigt. Nun steht klar der politische Aspekt im Vordergrund meiner Arbeit.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung für das BAZL im laufenden Jahr?
Es gibt einige Herausforderungen. In Zürich wird für den Flughafen der zweite Teil des Sachplans Infrastruktur Luftfahrt (SIL) aufgelegt, in Dübendorf will der Bund die Umgestaltung des jetzigen Militärflugplatzes in ein ziviles Flugfeld vorantreiben. Bei beiden Vorhaben gibt es Diskussionen mit dem Kanton und den betroffenen Gemeinden. Zudem ist es dringend nötig, den äusserst komplexen Luftraum der Schweiz zu vereinfachen. Dies hat aber auch Auswirkungen auf Teile der Infrastruktur am Boden. Es wird nicht möglich sein, jedem Benutzer des Luftraums das zu geben, was er gerne möchte. Aber es ist auch klar, dass eine neue Luftraumstrategie nicht nur auf Kosten der Leichtaviatik durchgesetzt werden soll. Diese wird an einigen Orten Einschränkungen erfahren, aber an anderen Stellen auch neue Freiheiten gewinnen.  

Wie packen Sie diese Herausforderungen an?
Mein Motto ist: „Nur gemeinsam sind wir stark“. Es muss allen Luftfahrtteilnehmern bewusst sein, dass wir ein Gesamtsystem betreiben, und dass in einem solchen Fall auch gewisse Kompromisse nötig sein werden. Hier zähle ich auf die Bereitschaft aller, das Gesamtinteresse an einem sicheren und leistungsfähigen Luftfahrtsystem in den Vordergrund zu stellen und nicht auf Partikularinteressen zu pochen.  

Die Überregulierung durch europäische Vorschriften lähmt die Industrie und die Leichtaviatik. Wie stellen Sie sich zu diesem oft gehörten Vorwurf?
Vor einigen Jahren waren die Klagen über die europäische Regulierungsflut absolut berechtigt. Gerade die GA Roadmap zeigt aber, dass bei der EASA ein Umdenken stattgefunden hat. In diesen Prozess kann man sich übrigens auch als Organisationseinheit oder Interessensvertreter einer Sparte einbringen, das muss nicht immer allein Sache der nationalen Aufsichtsbehörde sein.  

Welchen Einfluss hat die Schweiz als Nicht-EU-Mitglied überhaupt in der EASA oder in der EU-Kommission? Bleibt uns nichts anderes übrig, als alle Vorschriften zu übernehmen?
Nein, die Schweiz hat durchaus einigen Einfluss, sei es bei der EASA wie auch in der EU. Unsere Mitarbeitenden sind in diversen
europäischen Gremien vertreten und wir haben einige Beispiele wie die Drohnengesetzgebung, wo unsere Vorschläge übernommen wurden und jetzt auf europäischer Ebene einfliessen. Zudem haben wir auch die allerdings beschränkte Möglichkeit, nationale Gegebenheiten weiter zu behalten, beispielsweise bei der Helikopterrettung im Gebirge.  

Im luftfahrtpolitischen Bericht des Bundesrates wird die internationale Anbindung der Schweiz im Luftverkehr betont. Ein Kapazitätsausbau auf den Landesflughäfen stösst auf Widerstand bei den Standortkantonen. Wie sehen Sie in diesem Spannungsfeld die Rolle des BAZL?
Das BAZL muss im Rahmen seiner Aufsichtstätigkeit dafür sorgen, dass die zivile Luftfahrt sicher betrieben werden kann. Da die Diskussion gerade um den Fluglärm sehr emotional geführt wird, müssen wir sachlich aufzeigen, weshalb gewisse Massnahmen unumgänglich sind, auch wenn sie in gewissen Bevölkerungsteilen nicht auf Gegenliebe stossen. Grundsätzlich muss die Diskussion immer im Dreieck zwischen Sicherheit, Kapazität und Umwelt geführt werden. Unsere primäre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Sicherheit  zu Gunsten der beiden anderen Faktoren nicht vernachlässigt wird.

Innovation ist in der Luftfahrt ein wichtiges Thema, was kann/soll das BAZL hier machen?
Schon personalmässig sind wir nicht in der Lage, eigene Innovationsprojekte aufzugleisen. Dies ist Sache der Industrie und der
Forschung. Wichtig ist aber, dass wir diesen Playern ein regulatorisch gutes Umfeld bieten können und dass wir wichtige Projekte begleiten können. Dafür haben wir ein zwar kleines, aber fähiges Team von Ingenieuren und Spezialisten, die in der Lage sind, Bedürfnisse der Industrie frühzeitig zu erkennen und dafür das regulatorische Umfeld vorzubereiten.  

Der Bund steht auf die Ausgabenbremse, gleichzeitig soll das BAZL neue Aufgaben übernehmen und ausführen. Ist das nicht eine Quadratur des Kreises?
Mein Motto lautet: „work smart, not hard“. Wir stehen da wirklich vor einer grossen Herausforderung. Auf der einen Seite ist es die Übernahme einer Flut von europäischen Regulierungen, auf der andern Seite sind es neue Aufgaben wie die Drohnen, die uns noch vor zehn Jahren überhaupt nicht beschäftigt hatten. Dies zwingt uns dazu, gewisse Aufgaben auch zu hinterfragen und diese allenfalls gar nicht mehr oder in einem kleineren Rahmen wahrzunehmen. Personalpolitisch heisst das, dass nicht mehr jede Stelle automatisch ersetzt wird, sondern über das ganze Amt geprüft wird, wo Ressourcenbedarf besteht.  

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Letzte Änderung 25.04.2016

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