Einschätzungen zu den Middle East Carriers

Das Bundesamt für Zivilluftfhart (BAZL) hat im Dezember 2013 die Swiss und die Landesflughäfen eingeladen, ihre Einschätzungen zu den Auswirkungen der Expansion der Golf Carrier darzulegen und allfällige Handlungsfelder aufzuzeigen. Zudem wurde Prof. Dr. Bieger (HSG) beauftragt, ein Thesenpapier zu den Ursachen und den Auswirkungen der Golf Carrier Offensive für die schweizerische Volkswirtschaft und zu Handlungsoptionen zum Erhalt und zur Stärkung des Schweizer Hub zu skizzieren.


Swiss

Die Swiss erachtet die Fluggesellschaften aus dem Golf als reale Bedrohung für das Luftfahrtsystem, da über den Anschluss an den europäischen Markt eine Verlagerung der Verkehrsströme auf die eigenen Drehkreuze angestrebt werde. Aufgrund günstigerer Rahmenbedingungen und staatlicher Subventionen könnten die Golf Carrier Flugtickets zu Preisen unter den effektiven Kosten anbieten. Handlungsmöglichkeiten sieht die Swiss in folgenden Bereichen: Qualitative Prüfung von Beteiligungen von Fluggesellschaften aus Drittstaaten an Schweizer Airlines, Gewährung von Verkehrsrechten nur bei fairem Marktverhalten der betreffenden Gesellschaften, Durchsetzen von strikten Regeln zum fairen Wettbewerb als Korrelat zur liberalen Verkehrspolitik, Verbesserung der operationellen Rahmenbedingungen und staatliche Übernahme von systemfremden Abgaben.


Flughafen Zürich

Der Flughafen Zürich spricht sich für eine Stabilisierung und Verbesserung der lokalen Rahmenbedingungen und für den Erhalt der Verkehrsrechte der Golf Carrier aus. Er verweist darauf, dass der Passagieranteil der Golf Carrier in ZRH lediglich 2.3% ausmache und das Angebot der Golf Carrier ab Zürich die Angebote der Swiss zu einem grossen Teil ergänze. Die Streckennetze der Golf Carrier würden das Passagiervolumen erhöhen und sich positiv auf Angebot und Preise auswirken.  Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, sollten jedoch die betriebliche Rahmenbedingungen optimiert werden (weniger betriebliche Einschränkungen aus Lärmschutzgründen, staatliche Übernahme hoheitlicher Sicherheitskosten, keine Einschränkung des Betriebs auf gekreuzten Pisten usw.).


Flughafen Genf

Für den Flughafen Genf gewährleistet die Etablierung der Golf Carrier nach dem Rückzug der Swiss den Erhalt und Ausbau der Langstreckenverbindungen. Damit würden für die Region interessante Tourismus-Märkte im asiatischen Raum erschlossen und die einheimische Bevölkerung profitiere von zusätzlichen Verbindungen. Genf weist darauf hin, dass sich trotz der Präsenz der Golf Carrier auch andere Gesellschaften etablierten (Turkish Airlines, Air China). Genf favorisiert daher eine möglichst liberale Haltung gegenüber den Golf Carriern und die Gewährung von zusätzlichen  3. und 4. Verkehrsfreiheiten sowie die Beibehaltung der spezifischen Regeln für Genf und Basel in Bezug auf die 5. Freiheit.

Zur Erklärung:

3. Freiheit: Passagiere und Fracht dürfen vom Heimatstaat in einen anderen Vertragsstaat geflogen werden.
4. Freiheit: Passagiere und Fracht dürfen in einem anderen Vertragsstaat aufgenommen und in den Heimatstaat befördert werden.
5. Freiheit : Fluggesellschaaften können Passagiere und Fracht zwischen einem Vertragsstaat und einem dritten Staat befördern - dabei muss der Flug jedoch im Heimatstaat beginnen oder enden (obschon Verbindungen im Rahmen der 5. Freiheit in Genf und Basel möglich sind, betreiben die Golf Carrier derzeit keine solchen.


Universität St. Gallen

Das Thesenpapier der Universität St. Gallen führt die verschiedenen Wettbewerbsvorteile der Golf Carrier ausführlich auf. Um zusätzliche Wettbewerbsvorteile zu erlangen, würden diese Gesellschaften zwangsläufig ihre Aktivitäten mit einem Netz von selbst oder durch Allianzpartner betriebenen Hubs oder mit Interkontinentalflügen über Europa ausdehnen. Ohne Reaktion in den europäischen Ländern könne dies zur teilweisen Verdrängung von Luftfahrtverkehrsleistungen in Europa führen. Damit gehe die Reduktion von Arbeitsplätzen und längerfristig auch des Angebots an direkten Anschlussflügen sowie eine Abhängigkeit von strategischen Entscheiden ausserhalb Europas einher. Einzige Reaktionsmöglichkeit sei eine industriepolitische Strategie, welche unter Wahrung der Wettbewerbsneutralität und der internationalen Verpflichtungen eine intelligente Gestaltung der Rahmenbedingungen durch Koordination aller relevanten Wertschöpfungs-Elemente (insbesondere Flughafen, Fluggesellschaft und Air Traffic Control) vorsehe.

https://www.bazl.admin.ch/content/bazl/de/home/politik/dossiers-und-projekte/einschaetzungen-zu-den-middle-east-carriers.html