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Veröffentlicht am 28. Mai 2026

Wenn der «Tunnelblick» auf einem Winterflug zum Absturz führt

Im Winter 2021 entschied sich ein Pilot trotz widriger Wetterbedingungen für einen Rundflug. Nach dem Start verschlechterte sich die Wettersituation rapide. Der Pilot wollte umkehren und wieder am Zielflugplatz landen. Doch dort herrschte mittlerweile starkes Schneetreiben. Trotzdem entschied sich der Pilot für die Landung anzusetzen, eine fatale Fehlentscheidung. Anstatt auf einen anderen Flugplatz (Plan B) auszuweichen, flog er in die Schneewolke und stürzte ab.

Hier geht es zur Unfallanalyse auf aerokurier.de: Irrflug im Schneeschauer

Der Tunnelblick in der Aviatik ist ein gut erforschtes menschliches Leistungs- und Wahrnehmungsproblem. In der Aviatik bezeichnet er eine stressbedingte Verengung der Wahrnehmung, bei der Pilotinnen und Piloten ihre Aufmerksamkeit stark auf einen einzelnen Reiz oder ein konkretes Problem fokussieren, während andere wichtige Informationen ausgeblendet werden. Dabei handelt es sich nicht um eine Sehschwäche, sondern um eine natürliche Reaktion des menschlichen Körpers auf Stress, Zeitdruck oder wahrgenommene Gefahr. Durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems werden Hormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet, was zwar kurzfristig die Reaktionsbereitschaft erhöht, gleichzeitig aber das periphere Sehen, die kognitive Flexibilität und die feinmotorischen Fähigkeiten einschränkt. Das Gehirn priorisiert in solchen Momenten einfache Überlebensmechanismen anstelle einer umfassenden Situationsanalyse.

Beispiele:

  • Fixierung auf ein Instrument → andere Anzeigen werden übersehen
  • Konzentration auf ein technisches Problem → Fluglage oder Höhe werden vernachlässigt
  • Fixierung auf die Landebahn → Hindernisse, Wind oder Geschwindigkeit werden ignoriert

Besonders häufig tritt der Tunnelblick bei schwierigen Wetterbedingungen auf. Situationen wie starker Schneefall während der Landung, reduzierte Sicht, diffuse Konturen der Piste oder wechselnde Windverhältnisse erhöhen den mentalen Druck erheblich. Pilotinnen und Piloten können sich dabei stark auf das Erkennen der Landebahn oder den Aufsetzpunkt fixieren und andere entscheidende Parameter wie Geschwindigkeit, Sinkrate oder Seitenwindkorrektur vernachlässigen. Ähnlich kritisch sind Icing Conditions, bei denen Vereisung an Tragflächen oder Steuerflächen droht. Die Konzentration richtet sich dann oft ausschliesslich auf das Eisproblem oder einzelne Instrumentenanzeigen, während Flugleistung, Lagebewusstsein oder Ausweichoptionen zu wenig beachtet werden.

Psychologisch wird der Tunnelblick durch hohe Arbeitsbelastung, Unsicherheit und emotionale Anspannung verstärkt. Wetterbedingte Zusatzaufgaben – etwa Enteisungsentscheidungen, Leistungsberechnungen, alternative Flugplätze oder Go-Around-Abwägungen – können zur Überlastung führen. In solchen Situationen besteht die Gefahr, dass Warnsignale zu spät erkannt oder bekannte Verfahren – wie eben der Flug zum Alternate – nicht konsequent angewendet werden. Dies kann einen schleichenden Verlust der Situationswahrnehmung zur Folge haben und falsche oder verspätete Entscheidungen begünstigen.

In der Flugsicherheit gilt der Tunnelblick daher als zentraler menschlicher Faktor (human factor), der unabhängig von Erfahrung auftreten kann, gerade eben auch bei anspruchsvollen Wetterlagen. Er stellt kein individuelles Versagen dar, sondern eine vorhersehbare Reaktion unter Belastung. Um dem entgegenzuwirken, sind Ausbildung und Training entscheidend. Human-Factors-Schulungen, standardisierte Verfahren, bewusstes Instrumenten- und Aussenscanning sowie Crew Resource Management helfen, die Aufmerksamkeit breit zu halten. Mentale Leitprinzipien wie «Aviate – Navigate – Communicate» unterstützen dabei, auch unter schwierigen Wetterbedingungen die richtigen Prioritäten zu setzen und die Flugsicherheit zu wahren.

Möchtest du mehr über dieses Thema erfahren, dann kontaktiere deine/n Fluglehrer/in.

Safety first, every flight, every time.